Leseprobe

Schockiert stehe ich unter der Dusche. »Mama, was ist los?« Meine Tochter Anna Lena ist mit ihren fünf Jahren schon richtig groß und kennt ihre Mutter gut. Gerade haben wir uns den Sand vom Spielplatz aus den Haaren gespült und nun schaut sie mit ihren großen, blauen Augen zu mir hoch. Ich ringe um Fassung, mein Herz rast so sehr, dass mir der Atem stockt. Einen Moment lang bleibe ich Anna Lena die Antwort schuldig. Ich kann es selbst nicht glauben, was ich da gerade ertastet habe. Während das Duschwasser über meinen Körper rinnt, über das, was ich in meiner rechten Brust gefühlt habe, diesen erbsengroßen Knubbel, versuche ich meine zitternden Hände unter Kontrolle zu bringen und suche nach Worten. »Mein Schatz, alles ist in Ordnung.« Ich drehe das Wasser ab, angele nach einem Handtuch und beuge mich zu Anna Lena herunter. Ganz fest nehme ich sie in den Arm, rubbele sie mit dem großen FrotteeHandtuch ab und drücke ihr so liebevoll wie ich kann einen Kuss auf die Stirn: »Ist alles gut. Und jetzt ab ins Bett mit dir!« Heute ist Donnerstag, der 13. Juni 2013. Morgen früh muss Anna Lena wieder in den Kindergarten. Eine halbe Stunde später – wir haben unsere Zu-Bett-Geh-Zeremonie inklusive Gutenacht-Geschichte und unseren kleinen Foppereien beendet und Anna Lena schläft in ihrem Hochbett – sinke ich nervös und immer noch voller Anspannung auf die Couch. Die kam übrigens erst vor Kurzem. Hier und da fehlt noch etwas Deko, im Großen und Ganzen bin ich aber gerade fertig geworden mit dem Einrichten. Aber nichts ist in diesem Moment unwichtiger als Möbel.........

 

Aus Kapitel 3:

 

..... Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Es war doch meine Existenz, dieses Leben mit Claudio. Ich bat sie, niemandem etwas davon zu erzählen. Und wie sollte es anders laufen? Claudio kam und wollte mich abholen. Er umarmte mich, legte den Kopf zwischen meine Brüste und weinte jämmerlich. »Es tut mir so leid, ich werde dir nie wieder wehtun. Ich lieb dich doch. Ich mach das nicht mehr, ich mach das nicht mehr«, schluchzte er. Ich sehe mich noch, wie ich ihn tröstete: »Ja Claudio, ist okay. Ich kann dich verstehen. Wenn du mir versprichst, das nicht mehr zu machen, dann komm ich zurück.« Ich ging wieder mit ihm zurück und bemühte mich noch mehr, ihm keinen Anlass zur Wut zu geben. Ich versuchte mich so gut es ging vor seinen Angriffen zu ducken, doch es wurde nicht besser. Unser dritter Umzug gab mir noch ein wenig Hoffnung, denn wir fanden eine Wohnung im Haus meiner Cousine Sandra. Sie lebte mit ihrem Partner André schon in der Niederstraße in Röllinghausen, als dort eine Wohnung mit Balkon und Gartennutzung frei wurde. Die Wohnung war zwar viel teurer als unsere Zechenwohnung. Doch ich fand den Gedanken so schön, mit meiner Cousine in einem Haus zu wohnen – und ein wenig unter Aufsicht zu stehen – dass ich Claudio anbettelte, die Wohnung zu nehmen. Claudio willigte ein und es folgte erst einmal eine schöne Zeit. Wir verstanden uns sehr gut mit Sandra und André, kochten und aßen oft gemeinsam und hingen auch sonst viel zusammen. Doch bald hatte der Alltagstrott und wieder, man lebte zwar in einem Haus, es war immer noch gut so, aber man sah sich auch mal vier oder fünf Tage nicht. Claudios Gewalt kam wieder öfter zum Ausbruch und nicht nur ich, sondern auch unsere Beziehung bekam immer mehr Blessuren. Ich traute mich ein paar Mal, ihm zu sagen, dass ich mich von ihm trennen wollte. Meine Liebe zu ihm gab es zwar noch, aber sie war schon gehörig erkaltet. Statt seinen Jähzorn in den Griff zu kriegen, verlegte sich Claudio aufs Drohen: »Wenn du dich von mir trennst, bringe ich dich um«, sagte er. »Bitteschön, verlass mich ruhig. Dann lebst du halt nicht 

mehr lange.« Dabei griff er sich aus der Küche ein Messer und hielt es mir entgegen. Die Botschaft war klar und ich hielt still.......